LDN

Posts mit dem Label Ausflug werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Ausflug werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 31. August 2015

Wandern mit anderen

Ich zucke zusammen. Die gespenstische Stille wird jäh zerrissen, als wenige Meter neben mir ein Fasanenmännchen mit einem empörten Schrei aus dem Unterholz stiebt. Ich blicke ihm zu, wie es keifend und mit einiger Mühe über die Baumwipfel davonflattert. Dann wieder Stille. Kein gutes Zeichen. Stille im Wald klingt nach Tod. Verdammt, wo bin ich hier? Und wie bin ich nur hineingeraten? Tut so ein Gewehrschuss eigentlich weh? Plötzlich Stimmen. Oh nein, jetzt werden sie mich verhaften!

Als Strohwitwe hat man ja allerhand freie Wochenenden. Und weil einem im Großstadtmoloch öfter mal die Decke auf den Kopf fällt, hilft nur, aufs Land zu fahren und ein bisschen durch die Botanik zu wandern. Am 11. Januar, als der Neujahrsblues frisch und das Wetter unbeständig war, entschloss ich mich, eine Wanderung ganz im Alleingang zu wagen. Ich wohne im Südosten Londons, sodass es immer eine Weltreise über das Stadtzentrum ist, wenn man Richtung Norden rausfahren will. Das dauerte mir zu lange, ich wollte ausschlafen, also musste es eine Wanderung in Südengland werden. Gesagt getan, mein schlaues Wanderbüchlein spuckte mir eine Strecke aus, bei der ich gleich im nächsten Stadtteil Lewisham in den Zug steigen könnte. Die 13,1 Kilometer lange Wanderung ist gespickt mit den Hügeln, Feldern und Wäldern der North Downs und schien mir der perfekte Jahreauftakt. Die North Downs sind ein Höhenzug, zu dem auch die berühmten Kreidefelsformationen der englischen Südküste um Dover gehören.

Ich muss mir mal auf die Schulter klopfen, denn bei der Recherche habe ich mich selbst übertroffen. Die Strecke, die mich von Snodland nach Sole Street führen sollte, ist kein Rundweg, sodass ich den Transport drumherum planen musste. Von Lewisham würde ich mit einmal Umsteigen nach Snodland kommen, aber auf dem Rückweg müsste ich von Sole Street noch in die nächstgrößere Stadt Rochester fahren, über den Fluss Medway in den benachbarten Stadtteil Strood laufen und dort den Zug zurück nach Lewisham nehmen. Timing war alles, sonst würde ich eine Stunde auf den nächsten Zug warten müssen. Bewaffnet mit Notizzetteln voller Zugzeiten und Wegberechnungen, einem vollgeladenen Handy und der Wegbeschreibung auf dem Kindle war ich bestens gerüstet und frohen Mutes. Sogar das Wetter spielte mit – es war kalt, aber sonnig – was konnte da noch schiefgehen?

Ich startete also in Snodland, einer Kleinstadt in Kent. Ich muss bei dem Namen immer kichern, denn "snot" bedeutet auf gut Deutsch "Rotz". Damit hat Snodland freilich nichts zu tun, vielmehr gab es früher wohl einen Mann mit Namen Snodda, nach dem der Ort benannt wurde.



Es ging relativ schnell raus aus Snodland, vorbei an einem Sportplatz und einem Friedhof, immer die sanften Hügel der North Downs hinauf, an kleinen Waldstücken vorbei. Frische Luft und Einsamkeit, das mag ich am Wandern besonders. Dumm nur, wenn es plötzlich zu einsam wird und man sich nach nicht einmal einer Stunde komplett verlaufen glaubt. Plötzlich sieht der Wald gar nicht mehr freundlich und alt aus, sondern zwielichtig und unheilvoll. Und was war das für ein Geräusch dort drüben?


Ich hatte mich völlig verfranst. In meiner Wegbeschreibung ging es um nur zwei Sätze, die mich durcheinander brachten. Ja, eine Lichtung da vorne links, die sehe ich, und dann soll man ... Moment! Da rechts lang? Wo ganz groß "KEEP OUT" und "PRIVATE PROPERTY" dran steht? Nein, das kann nicht sein. Also wieder ganz zurück zur Lichtung. Da führt ein Weg durchs Gestrüpp hoch, aber die Wegbeschreibung liest sich ganz anders. Also doch den Privatweg entlang? Wieso nicht, was soll bis auf einen Zaun schon passieren. Ich nahm also den Privatweg, der mich auf eine neue Lichtung führte. Es war sonnig und warm, ich fing an zu schwitzen, aber die kreischende Stille war eigenartig. Ich lief einen Anstieg hinauf. Überall standen vereinzelt Schilder mit Werbung, ich dachte erst an eine Immobilienfirma, die Grundstücke verkauft – tolle Möglichkeiten, einmalige Chance, Geld gut investiert – dann fand ich die erste Munitionspatrone. Dazu überall Vogelfedern. Verdammt, ich war auf einem Jagdgelände!

Ich sah zu, dass ich wegkam. Leider war das Gelände ringsum eingezäunt und Wege gab es auch nicht. Also wieder die Lichtung hinunter Richtung Tor. Dazu ständig die Furcht, dass sich irgendwo ein Schuss löst, weil ich mit einem Fasan verwechselt worden war. Schnell, schnell, schnell, weg hier! Plötzlich ein Fasanenschrei direkt neben mir. Oh nein, kommen jetzt die Jäger? Schaffe ich es noch zum Ausgang? Oh je, wenn ich hier erwischt werde, wird das sicher teuer (oder schmerzhaft). Dann vernahm ich Stimmen und machte mich auf das Schlimmste gefasst.



Zeitgleich mit den Stimmen traf ich wieder auf der Hauptlichtung ein. Die Stimmen, drei an der Zahl, trugen bunte Rucksäcke und verschwanden in einer Lücke im Gestrüpp auf einen Hügel. Puh, keine aufgebrachten Jäger, sondern plaudernde Wanderer! Und es wurden immer mehr. Na, dachte ich, die müssen ja wissen, wo es langgeht, und schloss mich der Gruppe an. Oben auf dem Hügel angekommen machte die Gruppe – mittlerweile auf über 20 Personen angewachsen – eine Pause. Ich setzte mich schüchtern dazu und wurde prompt zu einem Smalltalk eingeladen. Es stellte sich heraus, dass die ältere Frau, mit der ich zusammen den Anstieg hinaufgeschnauft war, ebenfalls Deutsche ist. Und dass ich auf eine Wandergruppe gestoßen war, die genau dasselbe Ziel hatte wie ich!


In Großbritannien und speziell London gibt es etliche Wandergruppen. Man trifft sich völlig ungezwungen zu Tagesausflügen und sogar mehrtätigen Wanderungen unter der Leitung eines freiwilligen Führers und bestreitet die Strecke zusammen. Oft kann man direkt Mitglied werden und einen Monats- bzw. Jahresbeitrag zahlen, um Newsletter zu bekommen und die Idee dahinter zu unterstützen. Man kann aber auch als Außenstehender mitfahren, denn Zugtickets (und das optionale Abschiedsessen im Pub, das eigentlich immer dazu gehört) bezahlt sowieso jeder selbst. Es gibt mehrere Internetseiten, auf denen veröffentlicht wird, wann welche Gruppe welche Strecke wandert, und dann kann man einfach eine Mail hinschreiben und sich anschließen. Auf eine solche Gruppe war ich just gestoßen.


Im 19. Jahrhundert wurde das Wandern oder Spazierengehen auf dem Land (engl. rambling) zu einem populären Zeitvertreib, um der Verschmutzung und dem Alltagsstress in den Städten zu entkommen. Leider wurde das immer schwieriger, da mehr und mehr Großgrundbesitzer ihr Land einzäunten und unzugänglich machten. Aus diesem Grund entstanden Wanderervereine, die für den freien Zugang zur Natur kämpften. 1935 schlossen sich die Vereine als Ramblers’ Association zusammen, die heute über 110.000 Mitglieder in mehr als 500 lokalen Gruppen im ganzen Land hat. Erst im Jahr 2000 wurde das Engagement der Vereine belohnt und Berge, Moore und Heideland wurden öffentlich zugänglich gemacht.
Die Aufgaben der Ramblers (das Association wurde vor einigen Jahren abgelegt) hat sich im Laufe der 80-jährigen Geschichte gewandelt. Was als “Right to roam”*-Bewegung begann, ist heute ein gemeinnütziger Verein, der das Wandern bewirbt, die Pfade instand hält, die Zugänglichkeit des Landes für Wanderer verbessert, sich um Naturschutz kümmert und die Öffentlichkeit informiert. Auch das Mitgliederprofil hat sich sehr verändert, von einst gut betuchten weißen Rentnern hin zu multikulturellen jungen Menschen, die Wandern als urbanes Abenteuer begreifen.

Das passt doch wie die Faust aufs Auge. Ich schloss mich den Ramblers an, damit ich mich nicht noch einmal verlaufe. Man hat gleich so viel mehr davon, wenn man nicht ständig auf die Wegbeschreibung schauen muss. Und nette Gespräche gibt es noch dazu, auch wenn es nicht über Smalltalk hinausgeht. So wanderte ich ganz alleine los und kam in einer großen Gruppe an. Den Pubbesuch habe ich zwar sausen lassen, aber es war trotzdem ein schöner Tag mit interessanten Gesprächen und neuen Erkenntnissen.











*Right to roam: Das “Recht auf Herumstromern” bedeutet, dass man die Freiheit hat, auf dem Land abseits der Wege zu laufen und überall hinzugelangen.

Mittwoch, 28. Januar 2015

Weihnachtszauber in Arundel

Nachdem mein Ausflug nach Winchester am letzten Novembersamstag so erfolgreich war, wollte ich das Wochenende drauf unbedingt auch noch mal rausfahren. Ein paar Sehnsuchtsorte habe ich natürlich immer auf der Liste und nach einer kurzen Recherche hatte ich mich dann sehr schnell auf Arundel eingeschossen, das am 6. Dezember sogar mit ein bisschen Weihnachtszauber lockte.

Das kleine Städtchen Arundel liegt in Sussex, an der Südküste Englands. Von London fährt man mit dem Direktzug ca. 1 1/2 Stunden dorthin. Mit nicht mal 3.500 Einwohnern ist Arundel zwar ein ziemliches Leichtgewicht, aber in Sachen Schönheit und Geschichte (es war bei den Angelsachsen schon eine blühende Markt- und Hafenstadt) hat es der Ort am Fluss Arun faustdick hinter den Ohren. Es gibt eine Burg, mehrere majestätische Kirchen und eine reizende Fußgängerzone mit putzigen Geschäften. Und dank der Größe (Kleine?) braucht man nicht mal viel Zeit mitzubringen.

An besagtem 6. Dezember fand in Arundel außerdem die Veranstaltung "Arundel by Candlelight" statt, bei der in der hübsch geschmückten und beleuchteten Altstadt ein kleiner Weihnachtsmarkt aufgebaut wurde. Ergänzt wurde das Ganze mit kleinen Weihnachtskonzerten und sogar einigen F-Promis, die zum Anschalten der Weihnachtsbeleuchtung eingeladen wurden. Ich kannte keinen davon und habe auch niemanden gesehen, weil es dann so voll wurde, dass kein Durchkommen mehr war. 


Spontan schloss sich auch meine Freundin und ehemalige Arbeitskollegin Anna an, die zwar schon öfter mit dem Zug an Arundel vorbeigefahren war, die Stadt selbst aber noch nie besucht hatte. Wir trafen uns also Samstagvormittag am Bahnhof Victoria und tuckerten bei schönstem Sonnenschein nach Süden hinunter.

Wie ich eingangs schon schrieb, ist Arundel nicht besonders groß und nach ein paar verwinkelten Gassen hat man die Innenstadt auch schon gesehen. Aber dafür ist sie wirklich sehr hübsch, mit Fachwerkhäusern und schönen Geschäften – es gibt nicht eine große Kette, sondern nur kleine private Spezialgeschäfte. Wir haben zum Beispiel einen Laib Zwiebel-Kümmel-Roggenbrot, Cookies, selbstgemachte Marmelade und jede ein Tuch erstanden. 

Wir sind also über den Weihnachtsmarkt mit Fress-, Schmuck-, Strickwaren- und Kunsthandwerksständen geschlendert ...

... haben Weihnachtslieder mitgesungen ...

... haben uns in einem süßen kleinen Buchladen zeigen lassen, wie man Weihnachtssterne bastelt ...

... sind an Arundel Castle vorbeigeschlendert, in das wir aber leider nicht reingegangen sind ...
Die ursprüngliche Burg wurde bereits 1067 angelegt

... haben die St Nicholas' Church aus dem 14. Jahrhundert besichtigt ...

... sind weiter zur katholischen Arundel Cathedral gelaufen, in der gerade ein Kinderchor probte ...

... und trafen anschließend wieder im Ortskern ein.

Der späte Nachmittag brach an und da man für Weihnachtsbeleuchtung ja auch Dunkelheit braucht, haben wir uns erst mal in einem kleinen Bistro gestärkt, bis dann endlich die Sonne untergegangen war.

Jetzt konnten wir die ganze Dorfrunde noch mal drehen, nur in noch hübscher (und noch kälter). Jetzt war es dann auch schon gut gefüllt.
Man beachte die Schnee- bzw. Seifenkanone oben links! Die sind in England zur Weihnachtszeit der ganz große Hit.

Und das war es auch schon fast. Der nächste Zug zurück nach London war ausgesucht, es wurde langsam richtig kalt und die Gassen kannten wir spätestens jetzt aus dem Effeff. Also zumindest Anna, ich hab's ja nicht so mit der Orientierung ...

Der Fluss Arun im Mondschein 
Ein Wanderstockgeschäft, hat man so was schon mal gesehen?

Wie erwartet war Arundel ein richtig schöner Tagesausflug. Ein bisschen enttäuscht waren wir vom Arundel Castle, das zwar überall angepriesen wird, aber abends nicht mal angeleuchtet wurde, so dass es komplett von der Bildfläche verschwand. In Sachen Weihnachtsmarkt müssen sie auch noch üben. Die heißen Maronen waren wirklich schrecklich und der Punsch total verwässert. Aber die Menschen waren sehr engagiert und haben sich wahrscheinlich wie kleine Kinder über dieses "exotische" Spektakel gefreut. 

Dafür ist der Rest der Stadt aber wirklich zuckersüß und bestimmt fahren wir im Sommer noch mal hin, wenn man auch richtig was vom Fluss hat. Rings um Arundel gibt es auch viele Wanderstrecken, vielleicht wird das ja mein nächster Abstecher nach Sussex! 

Dienstag, 13. Januar 2015

Winchester

Alfred der Große, Kathedrale, Tafelrunde – Am 29. November bin ich mal ganz spontan nach Winchester gefahren, weil diese Stadt im Südosten sehr schön sein soll. Und was soll ich sagen, dieser Meinung kann ich mich nur anschließen!

Bevor ich loslege, muss ich aber noch einen praktischen Geheimtipp für alle Londoner mit einem Monatsticket loswerden.

Londoner ÖPNV-Zonen
Wenn man nämlich mit Monatskarte seine Bahntickets am Schalter holt, kann man sich das Ticket erst für außerhalb der eigenen Oyster-Zone ausstellen lassen. Ich habe z. B. ein Monatsticket für die Zonen 1 und 2 und habe mir deshalb ein Ticket von Paddington nach Winchester ab Zone 3 geben lassen. Schon das hat sich gelohnt, denn statt 33,50 £ habe ich damit nur 27,80 £ bezahlt. Ham oder nich ham, oder? Wer ein Oyster-Monatsticket für Zonen weiter draußen hat, kann mit Sicherheit einen ordentlichen Batzen sparen.


Aber zurück zu Winchester. Die Stadt ist alt (also Eisenzeit-römisch-alt) und sehr bedeutend, denn Alfred der Große (849–899), König der Westsachsen und später der Angelsachsen, machte Winchester zu seiner Hauptstadt. Alfred war ein bedeutender Staatsmann und der einzige englische König, der den Beinamen "der Große" bekam. Er konnte die einfallenden dänischen Wikinger erfolgreich abwehren und schuf so die Grundlage für ein vereinigtes angelsächsisches bzw. englisches Königreich unter der Vorherrschaft seines Reiches Wessex ("Westsachsen").

Alfred war aber kein kriegerischer Zottelbart, sondern ein frommer Staatsmann und Gelehrter, der trotz seiner schwachen Gesundheit Wessex mit befestigten Zentren überzog (das größte davon und Alfreds Sitz war Winchester), Klöster baute, die Kultur förderte, eine Gesetzessammlung niederschreiben ließ, kunstvoll Diplomatie betrieb und in seiner Freizeit auch noch spätrömische Philosophen übersetzte (sehr sympathisch, hihi). Seine Enkelin war übrigens Edgitha (auch Editha), erste Frau von unserem Magdeburger Otto dem Großen. 2010 wurden ihre sterblichen Überreste im Magdeburger Dom identifiziert.

Wer sich für diesen spannenden Abschnitt der englischen Geschichte interessiert, sollte sich mal die mittlerweile sieben Bücher umfassende Uhtred-Saga (The Saxon Stories) von Bernard Cornwell zu Gemüte führen.



Es wird wenig überraschen, dass Alfred als Gründervater und Superkönig in Winchester auch heute an jeder Ecke präsent ist. Darüber hinaus besitzt die Stadt mit Winchester Cathedral eine der größten Kathedralen des Landes sowie den Round Table, der jahrhundertelang als die echte Tafelrunde von König Artus galt. Um mir diese ganzen Schätze anschauen zu können, bin ich als Erstes zur Touristeninfo gegangen und habe mir da einige Broschüren geholt, u. a. mit drei Stadtführungen auf den Spuren Alfreds des Großen. Das war echt super, denn so habe ich die ganze Stadt gesehen und wusste dann auch gleich, was ich mir da eigentlich angucke. Abgesehen davon ist Winchester aber auch so ein hübsches Städtchen mit vielen Fachwerkhäusern, einem Fluss und netten Geschäften.


Buttercross aus dem frühen 15. Jahrhundert. Solche Kreuze gibt es in vielen Orten Englands; wie der Name schon verrät, wurden an ihnen einst Milch, Butter und Eier verkauft, denn sie markierten den Marktplatz. 

Los ging es an der berühmten Alfred-Statue, die oben schon zu sehen ist. Sie steht an der 2.500 Jahre alten High Street. Schon bei den Römern, den Angelsachsen und im Mittelalter war die High Street eine bedeutende Verkehrsstraße und womöglich ist sie sogar die älteste Straße Englands. Neben der Statue des großen Königs befindet sich die viktorianische Guildhall, in der die Stadtverwaltung ihren Sitz hat. Und gegenüber ein Kirchlein mit Moosdach, das fand ich sehr putzig.

Von dort ging es weiter zum Fluss Itchen, der durch Winchester fließt. Die steinerne City Bridge, die man im Bild sieht, wurde angeblich zum ersten Mal im 9. Jahrhundert an dieser Stelle von St Swithun, Bischof und Stadtpatron von Winchester, erbaut. Die aktuelle Brücke stammt aber aus dem Jahr 1813. Der Itchen war ganz früher mal als natürlicher Wassergraben Teil der Befestigungsanlagen. Außerdem trieb er Mitte des 12. Jahrhunderts in und um Winchester 12 Wassermühlen an. Die City Mill auf der anderen Seite der City Bridge ist auch heute noch in Betrieb.
City Mill
Ich bin aber auf der gegenüberliegenden Seite an der hübschen Flusspromenade weitergelaufen. Hier befinden sich noch Überreste der alten römischen Stadtmauern, die 300 v. Chr. angelegt wurden. Man sieht an einigen Stellen sehr gut, wie die Mauern immer wieder repariert und weitergebaut wurden.

Weiter ging es zum Wolvesey Castle, dem mittelalterlichen Bischofspalast. Leider konnte man die Anlage nicht betreten, aber der aktuelle Bischofssitz (aus dem Jahr 1684) direkt daneben ist auch nicht zu verachten. Und der Eiswagen davor (am 29. November!) davor auch nicht.

Gegenüber Wolvesey Castle liegt das renommierte Winchester College, ein Internat für Jungen im Alter von 13 bis 18 Jahren. Es wurde bereits 1382 gegründet und ist damit wahrscheinlich die am längsten durchgängig betriebene Schule Englands (und bestimmt eine der teuersten). Das Gebäude auf dem Foto rechts ist das Haus des Schuldirektors.

Direkt daneben liegt ein kleines unscheinbares Haus, in dem die berühmte englische Schriftstellerin Jane Austen ("Stolz und Vorurteil") ihre letzten Wochen verbrachte und schließlich mit nur 41 Jahren starb. Begraben wurde sie in der Winchester Cathedral. Das Häuschen ist heute ein privates Wohnhaus und nicht öffentlich zugänglich, aber eine blaue Plakette erinnert an die einstige berühmte Bewohnerin.

Nur wenige Meter weiter ging es durch ein kleines altes Stadttor, Kingsgate, über dem sich eine winzige Kirche – natürlich St Swithun geweiht – befindet (der schmale Anbau auf dem rechten Bild).


Wieder gleich um die Ecke befindet sich eine Mauer (Close Wall), die in angelsächsischer Zeit das Klosterleben vom Rest der Stadt abtrennte. Ein weiteres Tor, das Prior's Gate, führt zur Kathedrale und ihrer riesigen Anlage. Bevor man dorthin kommt, geht es jedoch am mittelalterlichen Cheyney Court vorbei, in dem früher die Bischöfe Gerichtsfälle anhörten. Daneben liegen der mittelalterliche Pferdestall, der heute für Musikunterricht genutzt wird, sowie die Pilgrim's School, deren älteste Bestandteile (zwei Fachwerkhäuser, auf dem 3. Bild zu sehen) aus dem 14. Jahrhundert stammen. Sie dienten früher den Pilgern, die das Grab St Swithuns besuchten, als Unterkunft. Heute ist es eine Jungenschule.
Prior's Gate
Cheyney Court
Pilgrim's School

Jetzt aber! Das Herzstück der Stadt, die Kathedrale! Sie ist über 900 Jahre alt und besitzt das größte mittelalterliche Hauptschiff Europas. Viele Berühmtheiten sind hier bestattet worden, darunter wie erwähnt Jane Austen und die frühen englischen Könige. Und weil das noch nicht genug war, gab es noch einen Weihnachtsmarkt obendrauf.
 

Wie man unschwer erkennen kann, war es sehr gut besucht. Aber es war auch ein wirklich hübscher Weihnachtsmarkt mit schönen Ständen und vor dieser Kulisse ist das natürlich besonders eindrucksvoll. Es war mit 12 °C nur zu warm für das richtige Winter-Feeling. Vor dem Haupteingang ging das bunte Treiben weiter.

Alfred der Große liegt übrigens nicht in der Winchester Cathedral. Er wurde in ihrem Vorgänger, dem Old Minster, bestattet. Diese Kirche existierte von 660 bis 1093, dann wurde an ihrer Stelle die heutige Kathedrale errichtet. Vom Old Minster zeugen heute nur noch Markierungen im Gras. 

Alfreds sterbliche Überreste zogen nur vier Jahre nach seinem Tod in den New Minster, den er noch persönlich in Auftrag gegeben hatte. Dieses Bauwerk (Kirche, Abtei, königliches Mausoleum) befand sich direkt neben dem Old Minster (die beiden waren sich so nah, dass sich die Chöre beim Singen in die Quere kamen) und ist heute ebenfalls verschwunden. Als die Normannen nämlich England eroberten, rissen sie den ganzen Minsterkomplex ab und bauten eine neue Kathedrale. Die ansässigen Mönche (Angelsachsen, mon dieu!) mussten – samt den Gebeinen der alfredschen Sippe – vor die Tore der Stadt in ein anderes Kloster ziehen.
Links der New Minster, rechts der Old Minster – so sah es früher aus
Dieses Kloster, Hyde Abbey, wurde 1539 unter Heinrich VIII. aufgelöst. Zunächst blieben die Gräber intakt, aber zwei Jahrhunderte später wurde an der Stelle ein Gefängnis gerichtet und dabei wurde so im Erdboden herumgewühlt, dass die Gräber zerstört und die Knochen zerstreut wurden. Bis heute ist die letzte Ruhestätte Alfreds daher unbekannt. Allein ein Fragment eines Hüftknochens ist aus der Zeit geblieben. Von ihm vermutet man, dass er Alfred oder seinem Sohn Edward gehört haben könnte.

Ich komme später noch mal auf die Kathedrale zurück (im wahrsten Sinne des Wortes), doch vorerst geht es aus der Innenstadt heraus auf den St Giles Hill, der einen Aussichtspunkt hat. Leider wurde es schon dämmerig, so dass die Aussicht selbst nicht sonderlich spektakulär war.


Also ging es wieder zurück in die Stadt, um die winchesterianische Dreifaltigkeit (Alfred, Kathedrale, Tafelrunde) zu vervollständigen. Die Innenstadt fing nun langsam an, in weihnachtlichem Glanz zu erstrahlen.

Der Weg führte durch das alte Westgate, das einst Teil der Stadtbefestigung war. Es ist neben dem Kingsgate das einzige erhaltene Stadttor Winchesters. Einige angelsächsische Elemente sind noch vorhanden, der Großteil des Tors stammt jedoch aus dem 12. Jahrhundert und wurde in den nächsten Jahrhunderten immer wieder umgebaut. Heute befindet sich ein kleines Museum im Westgate.


Nur wenige Meter links um die Ecke befindet sich Winchester Castle. Oder zumindest seine Überreste, denn von der Burg, an der schon Wilhelm der Eroberer baute, ist nach ihrer Zerstörung im 17. Jahrhundert nur noch die Great Hall aus dem 13. Jahrhundert übrig geblieben. Darin befindet sich der berühmte Round Table, die sagenhafte Tafelrunde von König Artus. Zumindest dachte man das einige Jahrhunderte lang. Tatsächlich aber stammt der Tisch aus dem 13. Jahrhundert und wurde für Heinrich VIII. in ihrer heutigen Form bemalt. Und so sieht das dann aus:

Also in der Theorie. Denn was ich gesehen habe, war das:

Mann, war ich sauer! Der Höhepunkt des Ausflugs und dann ist die blöde Halle gesperrt!

Zum Glück hatte ich aber noch einen Trumpf im Ärmel. In der Touristeninfo hatte ich einen Aushang für einen Advent Carol Service um 18:30 Uhr in der Kathedrale gesehen. Kostenlos und ohne Eintritt für die Kirche. Das war natürlich ein unschlagbares Argument. Also bin ich wieder zurück durch die Innenstadt zur Winchester Cathedral marschiert, um mein Glück zu versuchen.


Da die Great Hall meine Pläne durchkreuzt hatte, war ich über eine Stunde zu früh dran, aber da sich schon ein erstes zartes Schlängelchen bildete, stellte ich mich einfach mal dazu. Und tatsächlich, das waren die ersten Besucher des Adventskonzerts. Meine ehemalige Kollegin Anna versüßte mir das Anstehen mit einem telefonischen Wutausbruch über Mitbewohnerinnen aus der Hölle und britische Heizungsanlagen und dann öffneten sich auch schon die Pforten der Kirche und ich konnte, mit Kerze und Programmheft bewaffnet, einen Platz am Mittelgang erhaschen.
Drinnen durfte man natürlich nicht fotografieren, aber so sieht es dort aus. Ich saß in der Mitte rechts direkt am Mittelgang.
Das Adventskonzert entpuppte sich sehr schnell als minutiös geplanter Adventsgottesdienst (das 28-seitige Programmheft enthielt alle Details), doch es war nicht weniger beeindruckend. Ganz im Sinne des Advents ging es um die Ankunft des Lichts. So wurden die Kerzen der Besucher eine nach der anderen, Abschnitt für Abschnitt, angezündet. Untermalt wurde das Ganze mit Chorälen, Lesungen und Fürbitten.

Als kleines Heidenkind konnte ich damit natürlich nicht viel anfangen, aber die Professionalität war schon irre. Chöre und Redner (mit Mikrofon!) waren allesamt wirklich toll und auch wenn es zum Schluss trotz Mantel eisekalt war, war es eine schöne Erfahrung, in so einer erhabenen Kathedrale zu sitzen, sein Kerzlein zu halten, und so einem Spektakel beizuwohnen (und so viel Latein zu hören).

Nach dem einstündigen Programm habe ich noch schnell ein paar verwackelte Bilder gemacht, bevor es dann endlich zum Bahnhof ging.


Hier ein kleiner Eindruck von einem Konzert in der Winchester Cathedral und der großartigen Qualität des Chors (auch wenn die Videoqualität etwas anderes behauptet). Bei uns gab es zwar keine Instrumente, aber dafür Kerzen und Lichtprozessionen, ha!

Alles in allem war Winchester ein wunderbares Ausflugsziel, das ich jedem wärmstens empfehlen kann. Und da ich selbst ja auch nicht alles sehen konnte, wird das hoffentlich nicht mein letzter Besuch gewesen sein. Schließlich habe ich noch eine Rechnung mit der Great Hall offen.